Vergangene Ausstellungen

"Bücherhelden auf der Puppenbühne"
2.März 2016 - 23.April 2017

Am Anfang war das Buch … und dann kam im Kopf des Lesers das Bild hinzu. Heute entstehen die meisten Puppenspiele — seien sie nun für Kinder oder Erwachsene gedacht — nach beliebten Büchern. Große literarische Stoffe sind dankbare Vorlagen für anspruchsvolle Inszenierungen. Ein ungleiches Paar wie der Büchernarr und Möchtegern-Held Don Quijote und sein einfältiger, aber bodenständiger Diener Sancho Panza thematisieren die Fantasie selbst in ihren absurdesten Erscheinungsformen. Genauso ergiebig sind die ungeheuerlichen Lügengeschichten des Barons Münchhausen oder die geheimnisvollen Machenschaften des Bösewicht Capricorn aus dem ungewöhnlich erfolgreichen Jugendroman "Tintenherz". Wo endet das Buch und wo beginnt das Leben? Gulliver begibt sich auf seinen Reisen ins Land der Riesen und nach Liliput und lernt dort viel über sich selbst. Ob "Alice im Wunderland" oder "Der kleine Prinz"; mit solche poetischen Stoffen können Puppenbühnen sehr zur Freude ihres Publikum die Grenzen des Machbaren ausloten.
Gestaltung Faltblatt: www.risch-grafik.de
Für die etwas kleineren Kinder sind Max und Moritz heimliche Helden, weil sie die Grenzen des Erlaubten frech überschreiten und natürlich der keck gewitzte Kater Findus, der zusammen mit dem alten Pettersson die kniffligsten Alltagsprobleme allein durch Zusammenhalt und Fantasie verblüffend unkonventionell löst.
Die Illustration der Bücher so in die Sprache des Theaters umzusetzen, dass alle Fantasien der Leser Raum gegeben wird, ist eine hohe Kunst. Das Theater schafft aus der zweidimensionalen Bildvorlage eine dreidimensionale Verlebendigung. Die Bücherhelden treten förmlich aus dem Buch in die Realität des Augenblicks.
Die Ausstellung führt in die unterschiedlichsten Fantasiewelten. Sie zeigt Entwürfe, Bühnenbilder und Figuren, und sie lässt sich erobern, bespielen und beleben. Bücherwürmer und Leseratten können nach Herzenslust schmökern, malen und ausprobieren, und angehende Regisseure können ihre eigenen Stücke auch gleich auf der Probebühne vorführen. [Text: Lars Rebehn]








 "Hereinspaziert - Kinder die Hälfte"
(2015-2016)
Illustration: Gerald Riesch
Hereinspaziert und Augen auf: In der Puppentheater-Manege geschieht Unglaubliches! Was dem Menschen unmöglich, ist der Marionette Kür: Figuren verwandeln sich blitzschnell, zerfallen, verändern ihre Größe und schweben im Raum. Sie balancieren ohne Netz auf dem Hochseil, jonglieren ohne jemals einen Ball fallen zu lassen und springen durch Reifen ohne Beachtung der Schwerkraft oder sonstiger physikalischer Gesetze. Es sei denn, der Faden reißt!


Schon im 18. Jahrhundert zeigten italienische Puppenspieler besondere Figuren, die in ihren Bewegungen jedem Menschen überlegen waren. Sie nannten sie Fantoccini, kleine Kinder, da sie gewöhnlich nur halb so groß waren wie die anderen Puppen. Bei den Franzosen hießen solche Spezialmarionetten wegen ihrer Verwandlungsfähigekeiten "Metamorphosen". Bei uns in Sachsen gehörten die "Fantoschen" zu jedem besseren Theater und waren der Stolz ihrere Besitzer. Heinrich von Kleist erlebte zwischen 1807 und 1809 in Dresden solche Puppenspielkunst von höchster Qualität. In seinem Aufsatz "Über das Marionettentheater" setzte er der Puppenbühne von Lorgie und dessen virtuos geführten Tanzpaaren ein literarisches Denkmal. Eben diese Tanz-Marionetten gehören zu den ältesten Exponaten der Sammlung und sind nun die Alt-Stars der Ausstellung.
Beweglicher sind allerdings die etwas jüngeren Vertreter der Gattung. Vor allem im 19. Jahrhundert, zur Blütezeit der Kunstreiterei und des Zirkus, wurden die Puppenspieler zu immer aufwendigeren Nachspielen angeregt. Manche von ihnen gastierten sogar auf den neu entstehenden Varietébühnen der größeren Städte oder schufen sich ihr eigenes "Varieté am Faden". Noch bis in die 1960er Jahre reiste Eugen Singldinger mit einem großen Theaterzelt über die mitteldeutschen Jahrmärkte und führte seine Reifentänzer, Musikanten, Jongleure, Dompteure und Gewichtheber vor. Und selbst heute ist die große Kunst der kleinen Marionetten-Varietés nicht ganz ausgestorben.
In Zirkusatmosphäre werden historische Marionette aus annährend zweihundert Jahren, echte und falsche Automaten, mechanische Kunstwerke und Fahrgeschäfte - en miniature - präsentiert.



"Theater Spielen!
Hinterm Vorhang, drunter und drüber"
(2014 - 2015)

Worin besteht sie, die Magie des Puppentheaters? Wie kommt es, dass sich alle Zuschauer – ob Groß oder Klein – von den Puppen und ihren Erlebnissen so vollkommen verzaubern lassen? Nicht auf der Bühne, sondern in den Köpfen der Zuschauer entstehen die Geschichten. Der Puppenspieler haucht den Puppen scheinbar Leben ein. Dazu gehören Talent, Handwerk, jede Menge Erfahrung und raffinierte technische Konstruktionen. Die aktuelle Ausstellung der Puppentheatersammlung widmet sich dem Handwerk des Puppenspiels, seiner Kunst und natürlich auch den Tricks, Kniffen und Heimlichkeiten. Was sind eigentlich die Unterschiede zwischen Marionetten, Hand- und Stabpuppen? Wo liegen ihre Stärken? Einige Puppenarten sind Jahrtausende alt, andere wurden gerade erst erfunden. Aus der Stabfigur entstand in den letzten Jahrzehnten die Tischfigur in all ihren Variationen. Sie benötigt keinen Guckkasten, hinter dem sich der Spieler einst verbarg. Dies tut der Illusion keinen Abbruch, denn der Mensch verschwindet hinter der gut gespielten Puppe, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.
In der Ausstellung gibt es viel zu entdecken. Neben Blicken hinter die Kulissen, kann man auch der Entstehung einer Puppe beiwohnen. Der Puppenschöpfer Carl Schröder (1904-1997) aus Radebeul gestaltete die Werkstatt des Meisters Holzspann, in der dieser wiederum den Pinocchio erschuf, die Puppe, die ein Mensch sein wollte. Dem Dresdner Puppenspieler Gottfried Reinhardt (1935-2013) darf man hier erstmals während des Spiels hinter die Bühne schauen. Alle Puppen sind zum Auftritt bereit. Auf der Marionettenbühne von Heinrich Merck gibt es eine Zeitreise in die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Für die Kinder sind Märchen wie „Die Schneekönigin“ und „Der Wolf und die sieben Geißlein“ zu sehen, für die Größeren gibt es Weltliteratur vom „Ödipus“ bis zum „Dr. Faust“. Jeder kann ausprobieren, ob er zum Bühnenkünstler bestimmt ist oder ob er als Maschinenmeister Herr über die Elemente werden will! Hier ist allerdings der Regen nicht nass, sondern besteht aus getrockneten Erbsen. Und der Wind bläst nicht, heult dafür aber umso schöner. Vorhänge lassen sich öffnen und geben ihre Geheimnisse Preis. Puppen aller Art laden zum Probieren, zum Spielen und Fabulieren ein und man kann sogar einem kopflosen König das eigene Haupt zur Verfügung stellen.



"Hinter 13 Türen - 
Die verborgene Welt der Puppentheatersammlung"
(2013 - 2014)

Wie sieht es eigentlich hinter den Kulissen der Puppentheatersammlung aus? Was verbergen ihre geheimnisvollen Türen? Treten Sie ein in die magische Welt der Depots. Dort gibt es in Kisten, Kartons und Schachteln, in Regalen und Schränken tausende Theaterfiguren zu entdecken: von der Handpuppe über die
Schattenfigur bis zur Tischmarionette und noch manches mehr. Die Ausstellung nimmt Sie mit auf eine Reise zu einer faszinierenden Kunstform und holt viele Puppen erstmals ans Licht.
Im Depot erhält wirklich alles eine Nummer: die Räume, die Fächer, die Behälter und natürlich die Figuren. Hinter den Zahlen aber, die sorgfältig auf den Objekten angebracht werden, verbergen sich Geschichten und Schicksale. Manch ein Kasper hat in seinem hundertjährigen Bühnenleben über zehntausend Vorstellungen erlebt, andere
Figuren erhielten niemals Applaus. Ihnen wurde der Auftritt verboten, denn selbst kleine Puppen können den Mächtigen gefährlich werden. Es gibt Riesen aus Papier, die nur wenige Gramm wiegen und Insekten, die einem - hundertfach vergrößert - wohligen Grusel verschaffen. Bäume können - von lustigen Hexen bevölkert - zu Bühnen werden. Das Theatrum mundi mit seinen mechanisch belebten Figuren brachte Weltgeschehen als es noch kein Fernsehen gab - und manchmal auch ein wenig Weltliteratur.
Von Tür zu Tür erwarten Sie neue Überraschungen und Schätze aus zwei Jahrhunderten. Manches kann ausprobiert und erlebt werden. Entdecken Sie große und kleine Kunst in all ihrer Vielfalt, wie Sie sie noch
nie gesehen haben.




 

"Fantasie macht Theater"
(2012 - 2013)
Das Theater mit Puppen und Figuren hat in den letzten vierzig Jahren einen Aufbruch gewagt. Scheinbar unüberwindbare Grenzen zu anderen Genres lösten sich auf. Der Guckkasten wurde den Puppen zu eng, Spielräume erweiterten sich. Figuren und Schauspiel kamen sich näher. Die Gestaltung der Figuren ging ebenfalls neue Wege. Ausgehend von Marionette, Hand- und Stabpuppe entwickelten sich die Spieltechniken so rasant, dass man mit der Benennung kaum noch hinterher kam. Nicht nur Kinder, auch ein erwachsenes Publikum entdeckte dieses "andere Theater" neu. So entstand eine fantastische Bühnenwelt für Groß und Klein, mal komisch, mal poetisch oder sogar schaurig, aber immer sehenswert.
Die Ausstellung zeigt Theaterfiguren der letzten vierzig Jahre aus den kommunalen Puppentheatern der ehemaligen DDR und der neuen Bundesländer. Neben Hand- und Stabpuppen, Stab- und Fadenmarionetten sind Tisch- und Großfiguren, Ganzkörpermasken, Klappmaulfiguren, Handstockpuppen und Theatrum-mundi-Figuren zu sehen – und manches, das noch keinen Namen hat.
Die Mehrzahl von ihnen war bisher in Dresden nicht zu sehen. Vertreten sind Arbeiten von Christian Werdin und Barbara und Günter Weinhold, die der Puppentheaterszenographie entscheidende Impulse gaben und international Bedeutung erlangten, ebenso solche von Marita Bachmaier, Frank Alexander Engel, Anne Frank, Antje Hohmuth, Peter Gemarius de Kepper, Gottfried Reinhardt, Udo Schneeweiß und Sabine Tischmeier.

Text: Lars Rebehn






"Die Apels - eine Dresdner Puppenspielerfamilie
zwischen Kaiserreich und DDR"
 
(2011 - 2012)




"In Dresden ist die Puppenspielerfamile Apel eine feste Größe. Die Apels spielten mit Marionetten des 18. Jahrhunderts Texte aus dem 17. Jahrhundert. Sie griffen hochaktuelle Themen auf wie die Dreyfuss-Affäre, den Hauptmann von Köpenick oder den Boxeraufstand in China und sie waren Pioniere des Kinos. Das Apel'sche Puppentheater gastierte in den gutbürgerlichen Theatersälen der Dresden Altstadt genauso wie in den Wirtshäusern der Arbeiterviertel. Vom Erzgebirge über das Elbtal führte ihr Weg durch ganz Europa bis Finnland, Rumänien und Italien. Das erste Theater, das nach dem Zweiten Weltkrieg im zerstörten Dresden sein Pforten öffnete, gehörte einem Apel. Vom ersten Apel, dem Glasbläser Albert (1847-1905), der sich 1870 in die Theatergehilfin Amalie Mosch (1844-1914) und in eine damals bereits 150 Jahre alte Theatertradition verliebte, bis 1952 war es eine stetige Erfolgsgeschichte, dann kamen die Spielverbote in der DDR...
Manche der bis zu 220 Jahre alten Marionette in der Ausstellung sind einst vor Kurfürsten aufgetreten, andere vor Volkskammerpräsidenten. Gewöhnlich aber saß das Volks selbst vor der Bühne, heulte, tobte und klatschte, wenn auf der Holzoper große Tragödien oder Komödien, aktuelle Räuberpistolen oder wohlbekannte Märchen gespielt wurden. Die Ausstellung zeigt Figuren aus den verschiedenen Zweigen der Familie: Ritter, Räuber und Wildschützen, Märchenfiguren, Kasper, Chinese, Tänzer, Varieté- und Verwandlungsfiguren, Theaterzettel, Textbücher und Requistien sowie historische Szenenbilder. Ein Jahrmarktszelt ist der authentische Ort für Aufführungen."
Text: Lars Rebehn









"Kasper- eine deutsche Karriere"
(2009 - 2011)

Gestaltung: Pierre Bosolum
              
Seid Ihr alle da?! Wer kennt ihn nicht, den Kasper? Er lebt bei seiner Großmutter, überwindet Räuber, Hexe und Teufel und nach getaner Heldenarbeit gönnt er sich höchstens ein Tänzchen mit der befreiten Prinzessin und dazu ein Stück Kuchen. Für die meisten Erwachsenen ist er eine liebe Erinnerung ihrer Kindheit, für die Kinder ein Teil der großen Welt voller Wunder. Aber Kasper ist viel älter als die ältesten Urgroßeltern. Und er hat bewegte Zeiten hinter sich. Mit den Helden und lustigen Figuren des Puppentheaters hat sich das Publikum stets identifizieren können. Seit über 200 Jahren trägt diese Figur nun den Namen Kasper. Vom Anarchisten, Rauf bold, Angsthasen und Faulpelz wandelte er sich im Laufe der Zeit zum Vorbild und nützlichen Mitglied der Gesellschaft. Kasper wurde gebraucht und missbraucht, geliebt und gehasst. In der NS-Zeit wurde er ein deutscher Held und seine Nase vorsichtig begradigt. In der DDR war kein Platz mehr für ihn. Bis schließlich Kaspers „proletarische“ Wurzeln entdeckt wurden. So konnte er in den achtziger Jahren seine politische Dimension im Spiel für Erwachsene zurückgewinnen.